Aufenthalt Paris

»Vincent war ein großartiger, ein sehr großartiger Maler. Der Stärkste von allen! In seinem Haus war alles voll Farbe und ich war es, der sie ihm verkaufte! […] Es gefiel uns beiden, die Welt neu zu gestalten. Er zahlte nicht immer pünktlich und ich lief ihm nicht hinterher. Und dann hat er sich manchmal beschwert, weil er so anspruchsvoll war, der Kerl! Aber es war ein faires Spiel. So ein Herz, Vincent, und dieses Talent! Ein Riese, wie wir ihn selten sehen.«

Père Tanguy (1825–1894), Farbhändler

»Im Frühjahr 1887 hatten Vincent und ich eine […] sagen wir mal: romantische Beziehung. Es dauerte nicht sehr lange. Er war auch […] Vincent! Freundlich, großzügig, aber er bringt immer alles durcheinander. Er kam oft ins Tambourin, das Café, das ich gegründet hatte. Er stellte dort Dutzende Gemälde aus, insbesondere Blumenstillleben. Und später die seiner Freunde, die genauso leidenschaftlich sind wie er: Toulouse-Lautrec, Bernard […] die ganze Bande.«

Agostina Segatori (1841–1910), Cafébesitzerin, Geliebte

»Vincent […] wie soll man Vincent beschreiben? Der treue und anspruchsvolle Freund, der wenig von gesellschaftlichen Konventionen, dafür aber umso mehr von der Malerei verstand. Er war ein Lebemann, der gerne mit Toulouse-Lautrec und dem kleinen Bernard feierte. Er hatte die Impressionisten in zwei Kategorien eingeteilt: die des kleinen Boulevards und die des großen Boulevards. Aber er passte in keine Schublade.«

Armand Guillaumin (1841–1927), Freund und Maler

»Bei meinem Freund Vincent gab es Getränke, Freunde und Mädchen für einen Franc. Was haben wir gelacht! Man sagt, er meint es ernst, und das stimmt, aber nur, wenn er arbeitete oder jemanden anschrie. Wenn er malte, war er unzugänglich. Ich habe noch nie eine solche Konzentrationsstärke gesehen. Aber abgesehen davon […] Ein verdammt gutes Partytier! Eine gute Abstammung, eine enorme Kultur und so viel Humor. Wir haben geweint, wir haben gelacht. Er war mein Freund.«

Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901), Freund und Maler

»Ich war 17, als Vincent mich von meiner Arroganz als naiver, sensibler Jugendlicher heilte. Mit seinen Tritten und seiner gut platzierten Rauheit verstand er es, den von seiner Poesie berauschten Paladin, der die Kontrolle über meine Persönlichkeit übernommen hatte, zu verunsichern. Er lehrte mich zu sehen, was ich sah, zu fühlen, was ich berührte, zu leiden unter dem, was mich berührte. Ich kann ihn noch hören, wie er mir die harten Worte zurief, die zur Wahrheit führen. Ich habe ihn unter der Sonne von Auvers begraben, zusammen mit seinem Bruder. Ich habe ihn geliebt und tue es immer noch.«

Émile Bernard (1868–1941), Freund und Maler

»Vincent van Gogh war ein sehr lieber Freund. Ungestüm, abrupt, aber tief und fair. […] Ich habe oft mit ihm zusammengearbeitet. Aber ich musste ein wenig Abstand halten, weil er viel gestikulierte und sein Pinsel nicht nur seine Leinwände berührte […] Als er den Verstand verlor, besuchte ich ihn in Arles. Er war sich über seinen Zustand im Klaren. Ein großartiger Maler und ein konkurrenzloser Designer.«

Paul Signac (1863–1935), Freund und Maler

Wer war Vincent van Gogh?
Selbstzweifel und Kontrolle

Vincent van Gogh schuf, wie sein Landsmann Rembrandt, dessen Werk er bewunderte, Dutzende Selbstporträts. Es sind Momente des Lernens und der intensiven Selbstbeobachtung. In der Zeit ohne Fotos, Filme und Handys war das Porträt der Botschafter eines Menschen und immer auch eine Überprüfung des eigenen Ichs.

Die meisten Selbstporträts fertigte Van Gogh mit Hilfe eines Spiegels an. Besonders bei den Selbstporträts mit dem verbundenen linken Ohr fällt die Links-rechts-Spiegelung auf.

Van Gogh – sein Weg zur Kunst

Jugend und Ausbildung

1 | Zundert, 1853 – 1869

Vincent van Gogh wird am 30. März 1853 im Dorf Zundert der Region Brabant, Südholland, geboren. Er besucht verschiedene Schulen und Internate, macht aber keinen Abschluss.

2 | Den Haag, 1869 – 1873

Mit 16 Jahren beginnt er eine Ausbildung im Kunsthandel Goupil & Cie, Filiale Den Haag,
den sein Onkel ›Cent‹ mit gegründet hat.

3 | London, 1873 – 1875

Vincent wird in die Filiale nach London versetzt. Er liest viele religiöse Texte und besucht zahlreiche Museen.

4 | Paris, 1875 – 1876

Goupil & Cie ruft Vincent in das Mutterhaus nach Paris. Vincent liest aber lieber in der Bibel, als zu arbeiten. Am 1. April 1876 kündigt er.

Jahre als Missionar

5 | Ramsgate und Isleworth, 1876

Seiner Überzeugung folgend, arbeitet Vincent als Aushilfslehrer und Hilfsprediger in England.
Er ist davon überzeugt, sein Leben in den Dienst der Missionierung zu stellen.

6 | Dordrecht, 1877

Weihnachten 1876 kommt Vincent so abgemagert nach Hause, dass die besorgte Mutter ihn nicht zurück nach England lässt. Onkel ›Cent‹ organisiert ihm eine Stelle in Dordrecht bei einem Buchhändler. Vincents religiöser Eifer befremdet die Familie mehr und mehr.

7 | Brüssel, 1878

Vincent hat seine Berufung als Missionar gefunden. Die Aufnahmeprüfung der Evangelisten-Schule in Brüssel besteht er aber nicht.

8 | Borinage, Belgisches Kohlerevier, 1878 – 1879

Auch ohne Ausbildung reist Vincent zu den Ärmsten – den Kohlearbeitern in Belgien. Aber er ist ein schlechter Missionar und erwägt erstmals ernsthaft, Gott als Maler zu dienen.

Jahre als Maler

9 | Brüssel, 1880

Im Oktober reist Vincent wieder nach Brüssel. Diesmal zur Kunstakademie. Durch seinen Bruder Theo bestärkt, möchte er nun endgültig Maler werden. Anton Mauve (1838–1888) wird sein erster Lehrer, Jean-François Millet (1814–1875) ein großes Vorbild für den jungen Maler.

10 | Etten, 1881

Vincent lebt bei seinen Eltern. Durch Übung und Gespräche mit Bruder Theo und Anthon van Rappard entwickelt sich seine Malerei.

11 | Den Haag, 1882 – 1883

Wegen Streitigkeiten mit den Eltern zieht Vincent nach Den Haag. Dort erhält er seinen ersten
Auftrag über 20 Stadtansichten von einem Onkel, Kunsthändler Cornelis Marinus van Gogh.

12 | Drenthe, 1883

Eine zweimonatige Reise in die bei Malern sehr beliebten Torf-Landschaften um Drenthe.

Die Eltern ziehen nach Nuenen.

13 | Nuenen, 1883 – 1886

Im Waschhaus der Pfarrei seines Vaters richtet sich Vincent ein kleines Atelier ein. In dieser Zeit entsteht ein Großteil seines Frühwerks. Der Vater verstirbt im März 1885. Die Mutter zieht im
Mai 1886 nach Breda.

Das Frühwerk Van Goghs besteht aus etwa 250 Gemälden.

14 | Paris, 1886 – 1888

Im März 1886, mit 33 Jahren, erreicht Vincent van Gogh Paris!

Malerisch ist es die Zeit des Aufbruchs, Vergleichens und Ausprobierens. Er wird Teil der Künstlergemeinschaft, wohnt bei seinem Bruder Theo und studiert zusammen mit Henri de
Toulouse-Lautrec (1864–1901), Paul Signac (1863–1935) und Émile Bernard (1868–1941) in einem der führenden Pariser Ateliers bei Fernand Cormon (1845–1924).

In den Pariser Jahren entstehen mehr als 200 Gemälde.

15 | Arles, 1888 – 1889

Im Februar 1888 zieht es Vincent in den Süden. Die Wärme, das Licht und die Farben beeindrucken ihn tief. In Arles möchte er eine Künstlerkolonie, sein ›Atelier des Südens‹, gründen. Doch sein Lebenstraum scheitert. In der Folge wird er zum sozialen Sonderling. Die Bürger von Arles fordern die Internierung des ›fou roux‹, des verrückten Rothaarigen.

In Arles schuf Van Gogh mehr als 300 Werke.

16 | Saint-Rémy-de-Provence, 1889 – 1890

Auf eigenen Wunsch begibt sich Vincent van Gogh am 8. Mai in das Asyl für Geisteskranke Saint-Paul-de-Mausole bei Saint-Rémy. Die Ärzte diagnostizieren Epilepsie. Er darf nur bei Gesundheit und unter Aufsicht malen. Trotz der Anfälle stellt er im ›Salon des Indépendants‹ in Paris mehrfach Bilder aus und findet damit künstlerische Anerkennung.

In Saint-Rémy-de-Provence schuf Van Gogh fast 200 Werke, darunter ›Die Sternennacht‹.

17 | Auvers-sur-Oise, 1890

Bruder Theo holt Vincent zurück nach Paris.
Vincent wohnt in Auvers-sur-Oise, dort betreut ihn der Arzt Dr. Gachet. Vincent erholt sich
geistig und körperlich. Die 70 Tage in Auvers sind voller Schaffenskraft und Zuversicht. Warum Vincent van Gogh hier am 27. Juli 1890 Selbstmord begeht, bleibt bis heute ein Rätsel. Am 29. Juli erliegt er seiner Verletzung.

In den 70 Tagen, die Van Gogh in Auvers-sur-Oise verbrachte, schuf er mehr als 70 Werke.

Die Zeit in Paris

In Paris lebte Vincent mit seinem Bruder Theo zusammen. Beide wurden schnell zu anerkannten Figuren im Tag- wie im Nachtleben des Künstler- und Vergnügungsviertels Montmartre. Seine Tätigkeit als Maler prägte die Beziehungen, die Vincent in der Kunstwelt knüpfte: Er suchte Modelle, tauschte Bilder, arbeitete mit anderen Malern zusammen und half bei der Organisation von Ausstellungen.

Sein Bruder Theo war als Kunsthändler in der Lage, avantgardistische Werke zu guten
Konditionen zu verkaufen. Das machte die Freundschaft zu Vincent für fortschrittliche Maler wie Paul Gauguin besonders interessant. Aufrichtige Freundschaften entstanden mit Paul Signac, Émile Bernard, Henri de Toulouse-Lautrec und dem Farbenhändler Père Tanguy.

Vincent war immer in Bewegung. Als Redner, Trinker oder Maler erkundete er die kleinsten Ecken von Paris, um seine Motive zu finden. Nach zwei Jahren eines intensiven und turbulenten Lebens zog es ihn in die Provence.

Die Stile seiner Epoche

Die hier gezeigten Gegenüberstellungen zeigen die Auseinandersetzung Vincent van Goghs mit den Stilrichtungen seiner Zeit. Er verstand und beherrschte alle Richtungen, fühlte sich aber nirgendwo zugehörig und blieb ein Suchender – nach seiner eigenen Ausdrucksart.

Impressionismus – die Stimmung des Augenblicks einfangen

Die Rue Montorgueil in Paris zum Fest am 30. Juni 1878
Claude Monet (1840–1926), 1878
Musée d’Orsay Paris, Frankreich
Der 14. Juli in Paris
Vincent van Gogh (1853–1890), 1886
Villa Flora Winterthur, Schweiz

Hier übte sich Van Gogh im Impressionismus, am gleichen Motiv wie Claude Monet. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen sah Vincent van Gogh im Impressionismus nicht die Vollendung der Malerei.

Pointillismus – alles nur Punkte, das Auge mischt selbst

Segelboote im Hafen von Saint-Tropez
Paul Signac (1863–1935), 1893
Von der Heydt-Museum Wuppertal, Deutschland
Blick auf Paris aus Vincents Zimmer in der Rue Lepic
Vincent van Gogh (1853–1890), 1887
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande

Der Pointillismus bietet dem Auge des Betrachters bloße Punkte an, deren Aussage auch von Abstand und Ausschnitt des Bildes abhängig sind. In Paris versuchte sich Vincent van Gogh auch in diesem Stil, der ihm letztlich wenig geeignet schien, um die Schönheit der Natur einzufangen.

Symbolismus – mehr ausdrücken, als das Auge sieht

Landschaft in der Bretagne, die Mühle David
Paul Gauguin (1848–1903), 1894
Musée des Arts décoratifs Paris, Frankreich
Landschaft mit Haus und Pflüger
Vincent van Gogh (1853–1890), 1889
State Hermitage Museum St. Petersburg, Russland

Der Symbolismus strebt stets nach tieferer Aussagekraft. Van Gogh inspirierte dies, er konnte sich aber mit den Vertretern des Stils, allen voran Paul Gauguin, nie auf eine gemeinsame Kunstauffassung einigen.

Jean-François Millet

Der Schnitter
Jean-François Millet (1814–1875), 1866–1868
Hiroshima Museum of Art, Japan
Der Schnitter
Vincent van Gogh (1853–1890), 1889
Private Sammlung

Jean-François Millet (1814–1875) war einer der führenden Maler des Realismus und ein großes Vorbild für Vincent van Gogh. Beide verband die Faszination für das Leben der ärmlichen Bauern auf dem Lande. Vincent kopierte und zitierte Millets Bilder immer wieder. Gerade religiöse Motive malte Vincent meist nicht nach eigener Vorstellung, sondern nach Vorlagen von Millet.