Ein Leben für den Glauben
Religion und Natur
Die christliche Religion hat Leben und Werk von Vincent van Gogh tief geprägt. Bis zu seinem 26. Lebensjahr wollte er Priester oder Missionar werden. Als Sohn eines Pfarrers wuchs er streng religiös heran. Mit der Zeit entfernte sich Vincents Verständnis von Glauben zunehmend von den Lehren der Kirche. Für ihn war Glaube im Mitgefühl der einfachen Menschen – der Arbeiter und Bauern – verwurzelt. Er sah Gott überall: in der Schöpfung der Welt, den Details der Natur, in den Menschen – in allem, was existiert.
Öl auf Leinwand, 66 x 79 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
In diesem Werk zeigt Vincent van Gogh, wie er zu Glauben und Aufklärung steht. Die Bibel nimmt den größten Teil des Bildes ein. Im Vordergrund sticht in leuchtendem Gelb Émile Zolas Roman »Die Freude am Leben« (»La joie de vivre«) hervor – ein Symbol für das moderne, aufgeklärte Denken. Die Kerze auf dem Bild ist erloschen, ihr Licht verbindet die Bücher nicht. Es bleibt offen, welche Denkrichtung Vincent bevorzugt.
Die Anfänge
Hommage an das harte Landleben
In diesem Gemälde fängt Van Gogh die Stimmung und Härte des einfachen bäuerlichen Lebens ein. Die Farbpalette besteht aus dunklen bräunlichen Tönen. Die Figuren sehen entspannt aus. Vincent beeindruckte die ursprüngliche Direktheit eines solchen Lebens:
»[…] dass diese Leute […] mit ihren Händen, die sie in die Schüssel stecken, die Erde selbstbearbeitet haben […] und sich so ihr Essen ehrlich verdient haben.«
Das Bild wurde zu seiner Zeit wegen des derben Charakters und der dunklen Farben stark kritisiert. Für Van Gogh war die Botschaft des Bildes jedoch wichtiger als technische Perfektion. Es dokumentiert Van Goghs tiefen Respekt vor der Arbeiterklasse und zeigt seine Entwicklung zum realistischen Maler. Heute gilt dieses Gemälde als Meisterwerk seiner frühen Phase und ist eines seiner bekanntesten Bilder.
Öl auf Leinwand, 82 x 115 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Die Familie Van Gogh
(1822–1885)
geborene Carbentus (1819–1907)
Vincent van Gogh wurde am 30. März 1853 im Dorf Zundert in den südlichen Niederlanden geboren. Sein Vater Theodorus war ein tiefreligiöser und konservativer Pfarrer, während seine Mutter Anna den jungen Vincent mehr als liebevoll umsorgte. Denn ihr erster Sohn, der ebenfalls Vincent hieß, wurde auf den Tag genau ein Jahr zuvor tot geboren. Und die Familie wuchs weiter – Vincent hatte fünf jüngere Geschwister: drei Schwestern und zwei Brüder, darunter sein lebenslanger Vertrauter Theodorus, genannt Theo.
Die Großfamilie Van Gogh war deutlich wohlhabender und privilegierter als die ärmliche Landbevölkerung, die Vincent in seinen Anfängen so leidenschaftlich malte. Dazu gehörten unter anderem Onkel ›Jan‹, ein Konteradmiral der Marine, und Onkel ›Cent‹, der die Kunsthandlung Goupil & Cie mit begründete und Vincent und Theo in der Filiale Den Haag ausbildete.
Der unersetzliche Bruder
Die Beziehung zwischen Vincent van Gogh und seinem jüngeren Bruder Theo war außergewöhnlich eng. 652 erhaltene Briefe belegen, wie Vincent sein Leben, seine Arbeit und seine innersten Gedanken mit Theo teilte. Gerade in Zeiten von Krankheit und Zweifel unterstützte dieser Vincent als Ratgeber, Mäzen, Kritiker und engster Freund. Als erfolgreicher Kunsthändler trug Theo entscheidend zu Vincents künstlerischer Entwicklung bei. Ohne Theos finanzielle und ideelle Unterstützung wären Vincents Leben und Schaffen nicht vorstellbar gewesen.
Die Natur
Die Familie Van Gogh liebte ausgedehnte Spaziergänge in die Landschaften der Umgebung, was bei Vincent früh eine tiefe Verbundenheit zur Natur weckte. Ihre ursprüngliche Kraft und das harte Leben der Bauern beeindruckten ihn weit mehr als die Schule, die er mit 15 Jahren ohne Abschluss beendete.
Vincent zeichnete immer schon regelmäßig, entschied sich aber erst mit 27 Jahren endgültig, Maler zu werden. In seiner ersten, frühen Phase sah er sich selbst als »Maler der Arbeiter und Bauern«. Die erdigen Brauntöne der Felder, die das Leben der einfachen Menschen bestimmten, prägten seine Werke aus dieser Zeit.
Öl auf Leinwand, 66 x 79 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Die Hütte, in der Sie gerade stehen, ist diesem typischen Motiv Vincent van Goghs nachempfunden. Er nannte diese bescheidenen Bauernhäuser »Volksnester« und betonte damit ihre beschützende Wirkung.
(Gordina de Groot), März 1885
Öl auf Leinwand, 33 x 43 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Van Gogh malte viel in Serien. Im Frühjahr 1885 fertigte er viele Porträts von Bäuerinnen an. Der Kontrast zwischen ihren weißen traditionellen Hauben und den dunklen, wettergegerbten Gesichtern faszinierte ihn.
Unter den Bauernporträts dieser Zeit ist dies das einzige, bei dem der Name des Modells bekannt ist: Gordina de Groot. Sie ist auch im Bild »Die Kartoffelesser« zu sehen.
Öl auf Papier auf Leinwand, 36 x 52 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
»Die Wellen folgten so schnell aufeinander, dass eine die andere verdrängte und es entstand durch den Zusammenprall der Wassermassen eine Art Schaum […], wenn man länger zusah, umso eindrucksvoller, als es so wenig Lärm machte. Die See hatte die Farbe von schmutziger Seifenlauge.«
So beschrieb Vincent das Bild in einem Brief an seinen Bruder Theo am 26. August 1882. Er zeigt sich als genauer Beobachter der Kräfte der Natur und bannte sie ebenso präzise auf Leinwand.
Künstlerisch ein Kind seiner Zeit
Vincent van Gogh wurde in die Zeit der beginnenden Industrialisierung hineingeboren. Besonders begeisterten ihn die Webstühle in den engen Bauernstuben. Im April 1884 berichtete er seinem Bruder Theo: »Ich werde noch viel harte Arbeit an diesen Webstühlen haben – aber in Wirklichkeit sind die Dinger so wunderschön – all das alte Eichenholz vor einer gräulichen Wand –, dass ich es für richtig halte, sie zu malen.« Über die Wirkung und Botschaft seiner Bilder machte sich Van Gogh intensive Gedanken. Seine Sehnsucht war es, Menschen zu berühren, ihre Faszination zu wecken und die Welt malerisch zu erklären – sei es durch einen Webstuhl oder die Schönheit der Natur.
Öl auf Leinwand, 70 x 85 cm
Kröller-Müller Museum, Niederlande
Vor der hellen Wand verschmilzt die Figur des Webers beinahe mit der mächtigen Maschine. Das Licht der kleinen Lampe rechts im Bild reicht nicht aus, um die Wand im Hintergrund so hell zu beleuchten. Van Gogh braucht jedoch die helle Fläche, um die Details des Webstuhls hervorzuheben.
Stillleben – der Anfang von allem
Stillleben sind malerisch eine Herausforderung – es gilt, den einfachen Motiven durch den Einsatz von Licht, Maltechnik und Farben die Poesie des Augenblicks zu entlocken, eine fühlbare Stimmung oder übergeordnete Bedeutung zu erzeugen. Allein an den über 170 Stillleben, die Vincent van Gogh schuf, lässt sich seine künstlerische Entwicklung von den dunklen Anfängen zu den hellstrahlenden Sonnenblumen ablesen.
Öl auf Papier auf Holz, 35 x 55 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Dieses Stillleben zählt zu den ältesten Gemälden Van Goghs. In diesem ersten Versuch in Öl ringt Vincent noch mit den Oberflächen der verschiedenen Materialien.
Öl auf Leinwand auf Holz, 31 x 41 cm
private Sammlung, USA
Ein typisches Bildnis seiner Zeit. Hier dienen Van Gogh Ton- und Glaswaren als Motiv. Es sind mit die ersten Güter, die die Fabriken massenweise produzieren konnten.
Öl auf Leinwand, 71 x 170 cm
Von der Heydt-Museum Wuppertal, Deutschland
Gastbeitrag: Bildbeschreibung von Dr. Roland Mönig, Direktor
Von der Heydt-Museum, Wuppertal
Das Bild gehört zu einer Gruppe von Gemälden, die der Eindhovener Goldschmied Antoon Hermans 1884 bestellte, um ein Zimmer in seinem Haus auszustatten. Sie sollten die vier Jahreszeiten anhand von Darstellungen aus dem Leben der Bauern illustrieren. Als Motive wählte Van Gogh den Sämann, den Pflüger, die Ernte, das Kartoffelsetzen und – für den Winter – einen Hirten mit Ochsenkarren.
Das Wuppertaler Bild ist das berühmteste Stück aus diesem nur bruchstückhaft erhaltenen Zyklus. Es markiert einen Höhepunkt dieser Schaffensphase des Künstlers. Seine besondere Wirkung bezieht das Bild aus dem Lichtstreif am Horizont – ein präzise beobachtetes Naturphänomen, das für den tiefgläubigen Van Gogh zweifellos auch religiöse Bedeutung hatte.
Öl auf Leinwand, 32 x 25 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Öl auf Holz, 30 x42 cm
Private Sammlung
Öl auf Leinwand, 38 x 46 cm
Private Sammlung
Öl auf Leinwand, 41 x 79 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande