Arles – der Traum seines Lebens
Im Mai 1888 mietete Vincent van Gogh sein gelbes Haus am Place Lamartine in Arles. Zum ersten Mal in seinem Leben besaß er ein eigenes Haus, und er begann sofort damit, die Wände mit Gemälden zu schmücken – darunter die ›Sonnenblumen‹ und das ›Schlafzimmer‹. Hier wollte er sich seinen Lebenstraum erfüllen: eine Künstlerkolonie. Maler aller Stilrichtungen sollten in seinem ›Atelier des Südens‹ zusammen leben und arbeiten. Ein Ort, an dem sie gemeinsam mehr schaffen konnten, als es jeder für sich allein je vermocht hätte.
Vincents Ruf verhallte ungehört – niemand folgte seiner Einladung. Die drei Gästezimmer des gelben Hauses blieben leer. Einzig Paul Gauguin (1848–1903) besuchte Van Gogh Ende Oktober 1888 – nach langem Zureden und mit finanzieller Unterstützung von Vincents Bruder Theo.
Ein Besuch mit Folgen
Die beiden Künstler konnten kaum unterschiedlicher sein – sowohl in ihrer Kunstauffassung als auch in ihrer Persönlichkeit. Ihre gegensätzlichen Ansichten führten immer wieder zu hitzigen Diskussionen, die keine Kompromisse mehr zuließen.
Öl auf Leinwand, 72 x 92 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Öl auf Leinwand, 93 x 74 cm
National Gallery London, Großbritannien
Öl auf Leinwand, 91 x 73 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
»Die Diskussion ist übermäßig elektrisch. Manchmal gehen wir mit müdem Geist aus ihr hervor, wie eine elektrische Batterie, wenn sie entladen ist.«
Brief (726) an Theo, Dezember 1888
Ende Dezember drohte Gauguin, der einzige Gast, mit seiner Abreise, was Vincent nicht verkraftete. Kurz zuvor hatte dieser zudem erfahren, dass sein Bruder Theo heiraten würde, was seine ohnehin große Angst vor Einsamkeit noch verstärkte.
Voller Verzweiflung und wahrscheinlich auch im Rausch des Absinths soll Van Gogh seinen Freund Gauguin gar mit einem Rasiermesser bedroht haben. Dieser ergriff die Flucht. Später am gleichen Abend schnitt Vincent van Gogh sich einen Teil seines Ohres ab, wickelte es in Zeitungspapier und überreichte es einer befreundeten Prostituierten. Vincent musste mit hohem Fieber und Anzeichen von Wahnsinn ins Krankenhaus.
Der zerbrochene Traum
Vincents Lebenstraum blieb unerfüllt. Davon konnte er sich nie wirklich erholen. Von da an wurden seine Anfälle regelmäßig. Aus Angst vor neuen Krankheitsschüben ließ er sich im Mai 1889 freiwillig in die psychiatrische Klinik in Saint-Rémy einweisen. Malen konnte er dort nur in den gesunden Phasen zwischen den Anfällen.
Die Sonnenblumen
Die berühmten Sonnenblumen hingen einst im Zimmer von Paul Gauguin im gelben Haus. Insgesamt schuf Van Gogh sieben große Leinwände mit Sonnenblumen – eine davon verbrannte im Zweiten Weltkrieg, eine weitere befindet sich in Privatbesitz. Die übrigen fünf Werke sind heute auf Museen weltweit verteilt.
Mit dieser Serie wollte Van Gogh demonstrieren, dass er ein Bild in zahlreichen Variationen mit nur einer einzigen Farbe gestalten kann. Van Gogh wählte hier erstmals Farbtöne, die über das natürliche ›Gelb-Spektrum‹ der Pflanze hinausgehen. Gelb mit Gelb und Gelb in Gelb – Vincent wollte, dass die Sonnenblumen in einem Raum so erstrahlen wie die Glasfenster in einer gotischen Kathedrale. Heute sind die Gelbtöne der Sonnenblumen stark verblasst.
Van Gogh entschied sich bewusst für die ›großen Gelben‹. Anderen Malern waren sie zu rau und grob, aber Vincent mochte ihre Unvollkommenheit und malte oft auch Blumen, die bereits verblüht waren. Vincent wollte als der Sonnenblumen-Maler bekannt werden. Sie wurden zu seinem Markenzeichen. Bei seiner Beerdigung brachten viele Freunde Sonnenblumen mit, ganz so, wie er es sich gewünscht hatte.
Öl auf Leinwand, 95 x 73 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Öl auf Leinwand, 95 x 73 cm
Sompo Museum of Art Tokyo, Japan
Öl auf Leinwand, 93 x 73 cm
National Gallery London, Großbritannien
Öl auf Leinwand, 91 x 72 cm
Neue Pinakothek München, Deutschland
Öl auf Leinwand, 92 x 73 cm
The Philadelphia Museum of Art, Vereinigte Staaten
Das Zimmer
›Das Zimmer‹ im gelben Haus war eines von Vincent van Goghs Lieblingsgemälden. Mit den Komplementärfarben Ocker und Violett sowie der bewusst uneinheitlichen Perspektive wollte er ein Gefühl absoluter Ruhe vermitteln. Im Laufe der Zeit ist das Violett jedoch zu Blau verblasst. Die zweite Version fertigte Van Gogh im Hospital in Saint-Rémy aus der Erinnerung an. Die dritte Version entstand als Geschenk an seine Schwester.
Öl auf Leinwand, 72 x 91 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Öl auf Leinwand, 57 x 74 cm
Musée d’Orsay Paris, Frankreich
Art Institute of Chicago, Vereinigte Staaten
Genie durch Wahnsinn?
Nein! Unter welchen Krankheiten Vincent van Gogh genau litt, werden wir nie erfahren. Er hatte Anfälle, die für Epilepsie oder Schizophrenie typisch sind. Dadurch ruhte seine Arbeit teils wochenlang. Zusätzlich scheint ihm eine Art bipolare Störung (»himmelhoch jauchzend,
zu Tode betrübt«) das soziale Leben stark erschwert zu haben. Beide Krankheiten verstärkten sich durch übermäßigen Alkoholgenuss. Die direkteste Auswirkung seiner Leiden auf seine Malerei war die starke manische Schaffenskraft, mit der er sich immer wieder in die Arbeit warf, sobald er gesund war. Heute sind sich die Experten sicher: Van Goghs individueller Stil und sein Genie waren nicht das Ergebnis seiner psychischen Krankheiten. Er entwickelte sie trotz seiner Leiden.
Die Entdeckung der Farbe
Erschöpft vom Großstadtleben, zog es Vincent van Gogh in den Süden, nach Arles. Inspiriert von der japanischen Kirschblüte, wollte er dort die Obstbäume im Frühling malen. Das ›Licht des Südens‹ offenbarte Vincent van Gogh die Farben. Ab diesem Zeitpunkt malte er in der strahlenden Farbigkeit, für die sein Spätwerk berühmt ist.
Öl auf Leinwand, 54 x 65 cm
Kröller-Müller Museum Otterlo, Niederlande
Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
In diesem Gemälde hat Van Gogh die Atmosphäre eines Sommertages eingefangen. Dafür arbeitete er tagelang unter der brennenden Sonne. Van Gogh kombinierte den azurblauen Himmel mit mehr als 30 unterschiedlichen Gelb- und Grüntönen für das Land. Vincent selbst hielt es für eines seiner gelungensten Gemälde.
Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Als erster Frühlingsbote blüht der Mandelbaum und seine großen Blüten sind ein Symbol für neues Leben. Das Motiv, die klaren Konturen und die Position des Baums im Bild sind von der japanischen Druckkunst inspiriert. Das Werk ist auch bekannt für die zahlreichen Blautöne, die Van Gogh im Hintergrund verwendet hat.
Dieses Gemälde war Van Goghs Geschenk zur Geburt von Vincent Willem, dem Sohn seines Bruders Theo und dessen Frau Johanna. In einem Brief schrieb Theo: »Wie wir dir gesagt haben, werden wir ihn nach dir benennen, und ich wünsche mir, dass er genauso entschlossen und mutig sein möge wie du.« Vincent Willem gründete 1973 das Van Gogh Museum in Amsterdam.
Öl auf Leinwand, 70 x 89 cm
Yale University Art Gallery, Vereinigte Staaten
Öl auf Leinwand, 81 x 66 cm
Kröller-Müller Museum Otterlo, Niederland
Die Terrasse bei Nacht
Nachtgemälde sind selten in der Malerei. Van Gogh geht diese Herausforderung auf unkonventionelle Weise an. Anstatt Schwarz- und Grautöne zu verwenden, setzt er eine Vielzahl von Farben ein. Seinem Bruder schrieb Vincent van Gogh begeistert, dass er dieses Bild ganz ohne Schwarz gemalt hat. Alle dunklen Töne, die den tiefen, dunkelblauen Kontrast zur der in Gelb erstrahlenden Markise bilden, sind selber gemischt. Van Gogh ist mit dem Effekt zufrieden: „Ich glaube, dass das helle Gaslicht, das ja Gelb und Orange ist, das Blau stärker hervorhebt.“
Wie gut Vincent van Gogh beobachten konnte, zeigen die Sterne am Himmel des Gemäldes. Sie sind so exakt abgebildet, dass eine Datierung des Bildes auf die Nacht vom 16. oder 17. September 1888 möglich war.
Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm
The Israel Museum Jerusalem, Israel
Öl auf Leinwand, 92 x 73 cm
Kröller-Müller Museum Otterlo, Niederlande
Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm
Sammlung Oscar Reinhart Winterthur, Schweiz
Öl auf Leinwand, 51 x 64 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Öl auf Leinwand, 72 x 91 cm
National Gallery London, Großbritannien
Öl auf Leinwand, 71 x 93 cm
J. Paul Getty Museum Los Angeles, Vereinigte Staaten
Öl auf Leinwand, 50 x 100 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Öl auf Leinwand, 64 x 81 cm
Kröller-Müller Museum Otterlo, Niederlande
Öl auf Leinwand, 73 x 91 cm
Musée d’Orsay Paris, Frankreich
Öl auf Leinwand, 73 x 60 cm
Kröller-Müller Museum Otterlo, Niederlande
Öl auf Leinwand, 94 x 74 cm
Musée d’Orsay Paris, Frankreich
Öl auf Leinwand, 75 x 93 cm
Puschkin Museum Moskau, Russland
Öl auf Jute auf Leinwand, 74 x 93 cm
Sammlung Emil Bührle, Kunsthaus Zürich, Schweiz
Öl auf Leinwand, 51 x 103 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Dieses Gemälde wurde lange für das letzte Bild von Van Gogh gehalten. Wahrscheinlich auch, weil seine Stimmung so unheilverkündend wirkt – die Krähen als Boten des nahenden Todes. Es stimmt nur leider nicht: ›Die Baumwurzeln‹ hat Vincent van Gogh noch am Tag seines Todes begonnen, berichtet sein Schwager Andries Bonger.
Die letzten Tage in Auvers
Die 70 Tage in Auvers waren voller Schaffenskraft und Zuversicht. Hier schuf Van Gogh noch über 70 Gemälde. Warum Vincent van Gogh dort am 27. Juli 1890 seinem Leben ein Ende setzen wollte, bleibt bis heute ein Rätsel. Sein Schwager Andries Bonger beschreibt den Beginn von Van Goghs letztem Tag in einem Brief an Vincents Bruder Theo als ganz normal: »Am Morgen des tödlichen Schusses hatte er noch eine Waldszene gemalt, voller Sonne und Leben.« Am Abend des 27. Juli jedoch schleppte sich Vincent mit einer Kugel aus einem Revolver im Bauch in sein Zimmer. Die Kugel, die er wahrscheinlich selbst abgefeuert hatte, steckte noch in seiner Wirbelsäule. Theo eilte aus Paris herbei, doch zwei Tage später, am 29. Juli, starb Vincent van Gogh im Alter von nur 37 Jahren an den Folgen seiner Verletzung.
Der Leichnam wurde in der Gaststätte Ravoux aufgebahrt. Sein enger Freund Émile Bernard beschrieb die Szene mit den Worten:
»Der Sarg war bereits geschlossen. Ich kam zu spät, um nochmals den Mann zu sehen, der mich vor vier Jahren voller Hoffnung verschiedenster Art verlassen hatte […]. An den Wänden des Raums, in dem sein Leichnam aufgebahrt wurde, waren all seine letzten Bilder aufgehängt worden, die so gleichsam einen Glorienschein für ihn bildeten, und das Aufblitzen des Genies, das sie ausstrahlten, machte diesen Tod umso schmerzlicher für die Künstler. […] die Sonnenblumen, die er so sehr liebte, gelbe Dahlien, gelbe Blumen überall. Dies war, wie Sie sich wohl erinnern, seine Lieblingsfarbe, das Symbol des Lichts, das er in die Herzen ebenso wie in die Kunstwerke träumte.«
Am 30. Juli wurde Vincent van Gogh auf dem Friedhof von Auvers-sur-Oise unter großer Anteilnahme von Freunden, Familie und Künstlerkollegen beigesetzt.
Öl auf Leinwand, 50 x 100 cm
Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande
Mit seinem wahrscheinlich allerletzten Gemälde zeigt Vincent van Gogh abstrakte Formen. Erst der zweite Blick macht klar, dass es sich um Baumwurzeln an einem Hang handelt. Das Bild ist unvollendet. Die Lichtstimmung ist die eines sonnigen Nachmittags. Daraus schließen Experten, dass er bis kurz vor seinem Selbstmord etwa um 20 Uhr abends daran gearbeitet hat.